How To – Outdoor Kleidung aus Membran-Stoff nähen

Goretex, Laminate und Shellstoffe.. es gibt eine neue Kategorie im Stoffhimmel. Wäre es da nicht an der Zeit auch die eigene wetterfeste Regenjacke oder die neue Ski- und Bergkleidung selbst zu nähen? In diesem ultimativen Blogpost über das Thema Outdoor-Stoffe erfährst du, ob es lohnt aktiv zu werden und lernst alles wichtige über die Materialien und die Techniken.

Warum sollte man also so ein (fortgeschrittenes) Projekt auf sich nehmen und seine eigene Outdoorkleidung selber nähen? Wegen dem was uns am Nähen immer wieder begeistert! Es ist einfach aufregend die Farben selbst bestimmen zu können, selbst zu entscheiden, welche Features und extra Taschen man haben möchte und natürlich am Ende unglaublich stolz auf das gemeisterte Stück zu sein. Und vor allem bei den tollen Komplimenten unserer Freunde und den bewundernden Blicken geht unser Schneiderherz auf.
Zwar sind die Zeiten in denen schwarz, braun und oliv die Farben in der Outdoorbranche dominieren längst vorbei und auch die Leute mit auch nur etwas Stilempfinden werden mittlerweile bei Funktionskleidung fündig. Ein Problem besteht aber weiterhin, weshalb es für mich noch einen zweiten Grund gibt, selbst tätig zu werden – die Frage der Passform. Mal im Ernst, kamst du dir beim Anprobieren auch schon mal so vor als hättest du einen leuchtend bunten Müllsack an?

Aber ich möchte ehrlich mit dir sein. Es gibt vielleicht einiges, das du ihr wissen solltet beim Thema Goretex und Co.:
Für manche spielt beim Nähen der Preis eine entscheidende Rolle. Hier kann man leider nicht unbedingt sparen gegenüber gekaufter Kleidung. Die Materialien kosten zwischen 25 – 40€ pro Meter und Reißverschlüsse in wasserabweisender Ausstattung kosten das zwei bis dreifache der normalen Variante. Ist dein Traumteil allerdings die Superhigh-End Goretex Jacke für 500€, kommst du selbstverständlich in der Selfmade-Version günstiger weg.

Geld spielt keine Rolle? Zeit aber schon? Nahezu jede Naht muss von innen abgedichtet werden und das kann leider dauern. Es soll schon so manchen Tennisarm vom Nähteabdichten gegeben haben.
Neben dem Materialeinsatz und der Zeit kann ein Outdoorgear-Projekt noch zusätzliches

Frustpotential bergen. Ist die Naht erst einmal genäht und besonders, wenn sie schon mit Seamtape abgedichtet wurde, ist sie mehr oder weniger endgültig. Fehler können manchmal nur noch schwer gerettet werden.

OK, das schreckt dich nicht ab? Lass uns anfangen! Ich geb dir ein paar Tipps an die Hand, damit dein erstes Projekt ein Erfolg wird.

Die Wahl des Materials

Die Bandbreite der atmungsaktiven Stoffe scheint am Anfang schier unbeherrschbar zu sein. Alleine die Varianten und Bezeichnungen können schnell zu Verwirrung führen. Man kann die Art der Stoffe aber bald ganz gut eingrenzen und in ihre Anwendungsbereiche sortieren. Meist hat einfach nur jeder Hersteller für ein und das selbe Material seine eigene Bezeichnung.

3-Lagen-Laminate: Outdoor-Performance Stoffe erhalten ihre speziellen Eigenschaften durch ihren mehrlagigen Aufbau. Er besteht aus einem wetterfestes Außengewebe, einer dampfdurchlässigen Membran und einem Futter. Diese drei Lagen werden miteinander zu einer Lage verklebt, deshalb bezeichnet man Aktivstoffe auch als Laminate. Beispiele sind unter anderem Gore Tex Performance Shell, Gore Tex Pro Shell oder Polartec Neoshell. Weitere Laminat Hersteller sind auch Dermizax und Sympatex.

2-Lagen-Laminate bestehen nur aus einem Außengewebe und einer Membran. Zum Schutz der Membran muss die Jacke deshalb separat gefüttert werden. Die Vearbeitung ist entsprechend aufwändiger. Die Stoffe sind dagegen leichter zu bekommen.

Seamtape: An jeder Outdoorbekleidung sind die Nähte die Schwachstellen. Durch die Einstichlöcher der Nadel kann die Feuchtigkeit ihren Weg von außen nach innen finden, weshalb alle Nähte von innen mit Seamtape abgedichtet werden müssen.

Aquaguard Reißverschlüsse: Eine spezielle PU-Beschichtung sorgt dafür, dass kein Wasser durch das Band und die Spirale nach innen dringen kann. Der Reißverschluss kommt deshalb ohne einen schützenden Beleg aus.

Stoffe über exremtextil.de; amazon.de oder funfabrics.de
Zubehör über extremtextil.de

Was benötigst du sonst noch?

Wenn du einen passenden Stoffe für dich gefunden hast, kannst du schon fast loslegen. Welche Nähmaschine du hast spielt dabei keine Rolle. Du kannst dir das Leben aber etwas vereinfachen, wenn du einen zusätzlichen Obertransport (z.B. IDT bei Pfaff-Nähmaschinen) verwendest und zusätzlich diese Hilfsmittel parat hast:

1. Teflonfuß: Das ist ein Nähfuß speziell für beschichtete und laminierte Stoffe, der den Transport erleichtert.
2. Mikrotex Nadeln, Stärke 90. Diese haben eine schärfe Spitze als die Standardnadeln und hinterlassen deshalb kleinere Löcher im Material. Durch die Laminate werden die Nadeln allerdings auch schneller stumpf, weshalb sie häufiger gewechselt werden müssen.
3. Hochfestes Polyester-Nähgarn Stärke 80 z.B Alterfil AS80. Das Standard-Polyester Garn ist leider nicht reißfest genug.
4. Mini Bügeleisen: Die kleine Fläche erleichtert dir das Nähte abdichten ungemein und du läufst weniger Gefahr, die empfindliche Shell zu beschädigen.
5. Stylefix: darauf aufpassen nicht dort zu kleben, wo später die Nadel eintaucht. Das kann zu Aussetzern im Stichbild führen.
6. Schnittmuster von Green Pepper: Der Hersteller hat sich auf Schnitte für Outdoorbekleidung spezialisiert. Sie sind kein muss, können dir aber eine Hilfestellung zu der Materialverarbeitung und Nähreihenfolge geben.
7. Wonderclips: Die beste Alternative zu Stecknadeln. Die sind bei diesem Projekt nämlich absolutes No-Go!
8. Schneidergewichte: Ich verwende am liebsten große Unterlegscheiben zum Zuschneiden und Beschweren des Stoffes. Die sind günstiger und handlicher.
9. Prym Trickmarker: Kreide würde ich nicht empfehlen, da die Membran zu leicht beschädigt werden kann durch Druck und Reibung.
10. Ein Holzbrett aus dem Baumarkt.

Zuschneiden und Nähen

Bevor es losgeht und du die Membran anschneidest, empfehle ich dir unbedingt ein Probemodell zu nähen. Spätere Schnittänderungen sind mit dem Originalstoff nicht mehr möglich. Zudem kannst du dich mit dem Probemodell an das Nähen ohne Stecknadeln bzw. mit den Wonderclips gewöhnen.
Wenn der Schnitt sitzt kanns losgehen. Lege alle deine Schnitteile auf den Stoff und zeichne die Nahtzugaben an. Einen Fadenlauf musst du in der Regel nicht beachten. Achte aber darauf, dass du deine Nahtzugaben gleichmäßig (am besten 1cm breit) anzeichnest. Sie werden später deine Ausrichtungs- und Nähhilfe sein.
Beim Nähen musst du dann nur noch darauf achten, dass die Stoffkanten bündig aufeinander liegen und kannst sie an der 1cm Markierung der Nähmaschine oder deinem Kantenlineal entlang führen.
Das Nähen an sich ist nicht viel anders als bei normalen Stoffen. Falls du am Anfang trotzdem Probleme haben solltest ein sauberes Stichbild zu bekommen, verwende unbedingt einen Teflonfuß und verringere schrittweise die Fadenspannung bis das Ergebnis stimmt.

Die Nahtzugaben werden auf 2-3mm zurückgeschnitten und zu einer Seite gelegt. Am besten legst du die Nahtzugaben nach oben. So können Wassertropfen auf der Kleidung nach unten abfließen und bleiben nicht in der Nahtkante hängen. Wenn sich das Material etwas störrisch verhält, kannst du es vorsichtig anbügeln (max. Stufe 1 ohne Dampf).
Nach dem Nähen dichte die Naht am besten direkt ab. Sonst kann es passieren, dass du später nur schwer wieder an die Stelle herankommst. Schneide dazu ein Band ca. 1,5 cm kürzer ab an jedem Ende als die Länge der abzudichtenden Naht. Damit vermeidest du unnötig Dicke Stellen an Nahtkreuzungen

Das Seamtape

Die Verarbeitung von Seamtape erfordert etwas Geduld, ist aber ansonsten relativ einfach. Man kann es super in Kurven legen, denn es verhält sich ein bisschen wie ein Schrägband. Am besten arbeitest du dich in 5 bis 10cm Abschnitten nach vorne. So kannst du das Band sehr gut kontrollieren und Faltenbildung an der Membran vermeiden. Presse das Band mit dem Bügeleisen bei ca. 110 °C, entspricht Stufe 1 unter leichtem Druck ohne große Bewegungen auf. Die besten Ergebnisse kannst du erzielen, wenn du beim Bügeln unter die Naht ein Holzbrett legst.

Wenn das Band abgekühlt ist, prüfe noch einmal an den Kanten, ob wirklich alles festsitzt. Falls nicht, gehe einfach ein zweites Mal mit dem Bügeleisen drüber. Optimal ist, wenn der Kleber am Rand leicht hervortritt.

Reißverschlüsse

Front- und Taschenreißverschlüsse lassen sich am einfachsten von außen einnähen, indem du sie von oben feststeppst. Hier kommt das Wondertape als Allzweckwaffe zum Einsatz. Die Reißverschlussschlitze habe ich leicht angebügelt und mit dem doppelseitigen Klebeband fixiert. Wenn alles ausgerichtet ist und fest angedrückt ist, kann losgenäht werden.

Der Reißverschluss muss nun noch genauso wie die Nähte von innen abgedichtet werden. Wenn du noch mehr zur Verabeitung von wasserdichten Reissverschlüssen nachlesen möchtest, empfehle ich dir diese Seite.

Bist du gut gewappnet mit diesen Outdoor Nähtipps? Ich bin gespannt ob du dir gleich ein Projekt vorgenommen hast. Lass es mich wissen in den Kommentaren. Mein persönliches Projekt Skioutfit gibt’s in Kürze hier auf dem Blog.
Falls du noch weitere Inspirationen suchst schaut mal hier: Kape Anlumi’s Regenmantel, ein Regenoutfit für die Kids von 19nullsieben oder dieser atmungsaktive Regenmantel.

Lieben Gruß,

* Julia

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5 Comments

  1. März 4, 2017 / 5:10 pm

    Wow, sehr informativ! Vielen Dank dafür. Bin mega gespannt auf das fertige Teil! 😀 liebe Grüße, Nina

  2. März 4, 2017 / 7:07 pm

    Vielen Dank, Julia. Ich verfolge Dein Projekt ja mit großem Interesse. Ich habe bisher nur mit Softshell gearbeitet, aber diese ganze Materialentwicklung für Outdoorkleidung ist spannend. Zum Bügeln des Softshells nehme ich meist noch ein feuchtes Baumwoll mit Bügeleisen auf Stufe 1. Bei meinen Projekten hat mich in erster Linie immer der Schnitt zum Selbermachen motiviert. Outdoorstoffe sind eben eigentlich nur für sportliche Schnitte vorgesehen. Elegantere Schnitte gibt es da bisher nicht. Darum mag ich Softshell so sehr, weil Funktionalität und Eleganz sich nicht widersprechen.
    Bin verfolge Dein Projekt weiter.
    Liebe Grüße, Julia

  3. März 4, 2017 / 7:53 pm

    Ich bin sehr beeindruckt, was du alles machst. Und dazu die super Erklärungen, bin gespannt auf das fertige Outfit. Ich glaube, mir wäre es zu aufwändig. LG Anja

  4. März 12, 2017 / 9:03 pm

    Vielen vielen Dank Julia, super informative Artikeln. Und ich bin auch gespannt auf das fertige Outfit :-). LG Kalangita

  5. April 15, 2017 / 8:13 pm

    Liebe Julia, ein toller Beitrag und sehr gut erklärt. Ich nähe zwar noch nicht sehr lange habe aber schon Nähprojekte für solche Sachen im Kopf. Entsprechende Stoffseiten habe ich schon gefunden. Mit deiner Anleitung wird es bestimmt gelingen.
    Liebe Grüße Madlen

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